Dienstag, 23. Mai 2017

Gefühle

So...nun wird es schwierig denn in meinem heutigen Beitrag möchte ich einmal über das Thema Gefühle sprechen.

Wir alle fühlen.

Das ist zumindest schon einmal eine fundamentale Erkenntnis.
Und ich persönlich bin davon überzeugt, dass die Mechanismen hinter diesen Gefühlen bei jedem Menschen erst einmal grundlegend dieselben sind.
Wir alle wissen was Hass ist, was Liebe bedeutet, was Trauer ist, Angst, Verzweiflung, Freude oder auch Enthusiasmus. Es gibt noch soviel mehr und all die vielfältigen Emotionen die diese Welt und unser Körper zu bieten haben, dürften uns allen zunächst grundsätzlich vertraut sein und die meisten dieser Gefühle haben wir alle schon gespürt, wenn auch vielleicht in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität.
Dieser Gedanke ist für mich zumindest beruhigend, zeigt er mir doch dass wir alle im Kern unseres Wesens gleich sind.
Das was uns unterscheidet und was das Leben miteinander so extrem schwierig gestaltet ist die unterschiedliche Art der Verarbeitung dieser Emotionen, die grundlegende Sichtweise in Bezug auf unsere Empfindungen.

Nehmen wir zum Beispiel das Gefühl der Trauer.
Grundsätzlich wissen wir alle was Trauer ist und wie es sich anfühlt. Dieser alles zu verschlingende Schmerz der uns heimsucht wenn wir um etwas oder jemanden trauern und deshalb sollte es doch eigentlich auch einfach sein sich in die Lage eines trauernden Menschen hinein zu versetzen und zu verstehen was in dieser Person in der Phase der Trauer vorgeht.
So einfach wie es scheint ist es dann allerdings doch nicht, denn jeder Mensch trauert anders, hat eine andere Art der Verarbeitung dieser grausig scheinenden Emotion und sogar eine andere Geschwindigkeit der Bewältigung dieser Gefühle.

Die grundlegende Emotion ist stets dieselbe und dennoch...
Der eine weint eine Woche lang fast ununterbrochen wenn zum Beispiel ein geliebter Mensch stirbt.
Der andere wiederum kann einen Monat nicht mehr sprechen nach dem Verlust einer geliebten Person.
Und wieder ein anderer kann sich schon am selben Abend nachdem er die schreckliche Nachricht des Todes eines lieben Angehörigen erhalten hat mit Freunden eine Komödie im Kino ansehen und Spaß haben.
Ist dieser Mensch deshalb schlechter als die beiden zuvor genannten?
Nein!
Denn wie ich bereits gesagt habe hat jeder Mensch eine andere Art der Verarbeitung seiner Trauer und nur weil jemand schon sehr früh wieder fröhlich lachen kann heisst es nicht automatisch das dieser Person der Verlust weniger schmerzhaft erscheint als jemandem der einen Monat ununterbrochen weint.
Vielleicht trauert er still?
Vielleicht weint diese Person heimlich?
Vielleicht überdeckt dieser Mensch seine Traurigkeit mit der nach aussen getragenen Freude?
Oder vielleicht kann er einfach tatsächlich besser mit dieser Emotion umgehen, weil er ein anderes Verständnis vom Tod hat, weil er anders mit diesen Gefühlen umgeht, weil die gestorbene Person zeit seines Lebens ein fröhlicher Mensch war und es sich so gewünscht hätte, weil er einfach eine andere Form der Schmerzbewältigung hat...
Die Gründe können so vielfältig sein wie Sand am Meer, das wesentliche dahinter bleibt stets dasselbe Gefühl.
Und deshalb sollten wir niemanden verurteilen der anders trauert als wir es von uns selbst gewohnt sind oder es die Gesellschaft von heute traurigerweise verlangt.

Um wieder auf den Kern dieses Artikels zurück zu kommen, jeder Mensch hat die gleichen Gefühle, die von seinem Körper, seinem Gehirn und - so es sie denn gibt meinethalben auch - seiner Seele gebildet werden und dennoch kann sich die Verarbeitung dieser Emotionen grundlegend voneinander unterscheiden.
Die Betrachtung der Gefühle die beim trauern auftreten können sollen hier auch nur als Beispiel dienen, um zu verdeutlichen wie enorm allein die Unterschiede bei nur einem einzigen Gefühl sein können. Betrachtet man nun einmal wieviele unterschiedliche Gefühle der Mensch produzieren kann und wie unglaublich vielfältig diese sein können, dann wird vielleicht auch deutlich worauf ich hinaus will.

Es steht uns nicht zu einen anderen Menschen zu verurteilen nur weil er eine andere Art der Verarbeitung seiner Emotionen hat als wir es von uns selber gewohnt sind.
Zeigen wir nicht mit dem Finger auf jemanden, der zum Beispiel eine andere Art hat mit dem Gefühl der Liebe umzugehen, verurteilen wir niemanden der anders als wir es vielleicht tun mit dem Gefühl der Freude umgeht. Lachen wir nicht über einen Menschen der vielleicht eine andere Sichtweise zum Thema Tod und Trauer hat als wir sie haben.

Wenn jemand nachts im warmen Sommerregen tanzen möchte weil es ihm ein unglaublich befreiendes Gefühl gibt dann sollten wir nicht darüber lachen sondern uns mit ihm darüber freuen.

Wenn jemand nach dem Tod seines Partners bereits eine Woche später einen neuen Partner gefunden hat, dann sollten wir diesen Menschen nicht vorschnell verurteilen.
Vielleicht kommt er besser mit dem Tod zurecht als es manch anderer kann?
Vielleicht hatten sich er und sein Partner schon lange vor dessen Tod auseinander gelebt?
Vielleicht war es bloss ein ganz grosser Zufall und die beiden haben sich auf der Trauerfeier kennen und lieben gelernt?

Wenn jemandem Tränen vor Rührung oder gar Freude in die Augen treten weil er in einer Bäckerei ein ganz spezielles Brot wieder entdeckt hat, dann sollte uns das nicht zum schadenfrohen Lachen animieren sondern es sollte unser Herz berühren.
Vielleicht hängen Kindheitserinnerungen an diesem Brot?
Vielleicht war es genau dieses Brot was er auf der Beerdigung seines Vaters gegessen hat? Die Gründe können auch hier genauso vielfältig wie sogar banal sein.

Fakt ist in allen angeführten Beispielen: Wir wissen es nicht und genau deshalb steht uns absolut kein Urteil zu.

Ich könnte hier nun tausende und abertausende von Beispielen anführen wie uns Emotionen unser ganzes Leben lang begleiten, manipulieren und geradezu lenken doch das würde vollkommen den Rahmen meines Blogs sprengen und ist auch nicht wirklich Sinn der Sache.
Mir geht es einzig und allein darum das ihr begreift, dass wir niemanden für seine Gefühle verurteilen sollten. Jeder Mensch tickt anders, hat andere Bedürfnisse, andere Arten der Verarbeitung und egal wie vielfältig und tiefgreifend diese Emotionen auch sein mögen.
Jeder Mensch verdient es dass er respektiert wird.
Das seine Gefühle ernst genommen werden.
Das er akzeptiert wird.
Und ob wir es in vielen Fällen nachvollziehen können, weil wir eine ähnliche Art der Verarbeitung haben oder ob wir uns schwer damit tun, weil wir es eventuell ganz anders sehen, wichtig ist das wir Verständnis haben.
Das wir Zuhören.
Das wir voneinander Lernen.
Versuchen zu Begreifen.
Wir alle sind von derselben Gattung und haben die gleichen Gefühle.
Wenn wir uns darüber vollkommen im Klaren sind, dann könnte die Welt um so vieles einfacher sein.

Ein weiterer von unendlich vielfältigen Aspekten der Gefühle ist unsere scheinbare Unfähigkeit oder auch Angst diese zu offenbaren und in verständliche Worte zu kleiden, die andere Menschen auch verstehen.

Wie macht man einem nicht betroffenen klar wie es sich anfühlt an einer schweren Depression zu leiden?
Wie kann ich jemandem der keinerlei Erfahrung damit hat begreiflich machen was es heisst an einer Essstörung zu leiden?
Wie schaffe ich es jemandem meine Gefühle zu gestehen ohne wie der letzte Trottel da zu stehen?
Wie schaffe ich es jemandem klar zu machen wie schwer dieses Dilemma ist, jemanden zu lieben aber aus Rücksicht diese Gefühle für sich zu behalten?
Wie fange ich es an meinen Eltern zu offenbaren, dass ich homosexuell bin?
Oder viel banaler: Wie mache ich jemandem begreiflich was ein bestimmter Song, eine bestimmte Serie oder ein ganz besonderes Buch für eine emotionale Rakete in meinen Eingeweiden zündet?

Die Antwort ist auch hier wieder absolut simpel in der Aussage und doch um so vieles schwieriger in der Ausführung.
Durch Sprache.
Sei es nun das gesprochene oder auch das geschriebene Wort.

Manchmal reichen sogar Gestik und Mimik um jemandem unsere Gefühlswelt näher zu bringen.
Wenn wir über einen für uns besonders lustigen Witz lachen, dann werden die meisten die dahinter liegenden Emotionen auch ohne Worte nachvollziehen können, sofern sie einen ähnlichen Humor haben. Wenn wir an einer traurigen Stelle in einem Film weinen, dann werden auch hier die meisten die Mechanismen die dazu geführt haben nachvollziehen können sofern auch hier wieder die Art des Trauerverständnisses eine ähnliche ist. In dieser Form könnte ich auch hier unendlich viele Variationen auflisten die letztendlich tatsächlich nur Variationen darstellen und deshalb auch nicht notwendig sind, denn ich denke auch hier ist das elementare bereits klar geworden.

Ungleich schwerer wird es tatsächlich bei sehr persönlichen Erfahrungen die derjenige dem wir uns anvertrauen noch nicht gemacht hat und vielleicht sogar auch nie machen wird.
Wo fangen wir an?
Was ist das entscheidende was ich rüberbringen will?
Wie verdeutliche ich was in mir vorgeht ohne das der andere mit völligem Unverständnis reagiert?
Wichtig ist immer das wir als Zuhörer den Gesprächsteilnehmer der uns sein Herz ausschüttet in jedem Augenblick ernst nehmen, uns nicht darüber lustig machen,versuchen ihn zu verstehen, uns mit der Thematik auseinander zu setzen und vor allem anderen eins tun: Zuhören!
Es ist schon schwer genug wenn man versucht sich zu öffnen, um Rat zu fragen, versuchen zu erklären was man fühlt, diesen Schritt überhaupt zu gehen und genau deshalb ist es wichtig nicht zu urteilen sondern zuzuhören.
Verständnis zu haben.
Da zu sein.
Manchmal ist sogar das genug.
Einfach nur da zu sein.

Manchen Menschen fällt es leichter als anderen über ihre Gefühle zu sprechen und es gibt durchaus Menschen die ihr Herz quasi auf der Zunge tragen. Anderen wiederum fällt es unglaublich schwer über ihre Emotionen zu reden oder gar zu schreiben und deshalb ist es wichtig in diesem Leben achtsam zu sein, ein offenes Ohr zu signalisieren und demjenigen Zeit zu geben, nie zu drängen und ihm immer das Gefühl zu vermitteln, dass wir da sind wenn er uns braucht und reden will.

Gefühle sind eine hochkomplexe Angelegenheit und erfordern immer Fingerspitzengefühl.
Umgekehrt ist es natürlich genauso wichtig für denjenigen, der etwas auf dem Herzen hat auch für die Person Verständnis zu zeigen, der man sich anvertraut. Keine Wunder zu erwarten und auch hier sensibel zu sein und dem Zuhörenden Zeit zu geben mit dem Gesagten klar zu kommen. Verständnis zu entwickeln und nicht gleich aufzugeben, weil wir anfangs vielleicht das Gefühl haben auf Unverständnis zu stossen.
Vieles ist auf beiden Seiten auch immer ein Lernprozess der manchmal einfach seine Zeit braucht.
Ich kann auch hier nur wiederholen was ich schon mehrfach erwähnt habe.
Zuhören.
Verständnis zeigen.
Lernen.
Einfach füreinander da sein.

Und mit diesen Worten möchte ich meinen kleinen Exkurs zum Thema Gefühle auch schon wieder beenden. Ich könnte noch soviel zu dieser Thematik sagen, soviele Beispiele anführen, eine so grosse Bandbreite an unterschiedlichen Formen der Gefühle präsentieren, dass es einem schier schwindelig zu werden droht, doch das haben schon ganz andere viel intensiver und viel besser gemacht, als ich es je könnte.
Poeten haben ganze Oden über vielschichtige Emotionen verfasst, Liedtexter haben Songs über die Liebe geschrieben in Worten die mir nicht im Traum auf diese Weise eingefallen wären, Komponisten, Visionäre, Betroffene, Hinterbliebene, Sterbende haben Worte zu Papier gebracht die  soviel Tragik, Tiefe und Bedeutung haben, dass ich mit meinem kleinen Beitrag auch nicht einmal in die Nähe dieser tiefschürfenden Kunst geraten könnte.
Und immer geht es um dasselbe.

Um Gefühle.

Lernen wir!
Verstehen wir!
Hören wir einander zu!
Seien wir einfach füreinander da.

Mehr ist es eigentlich gar nicht.





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